Matschie zum Buch über Lieberknecht: „Ein Sittengemälde der Thüringer CDU“

Allgemein

Martin Debes hat ein intensiv recherchiertes Buch vorgelegt und spannende Fakten zusammengetragen. Es ist mehr als ein Porträt, es ist zugleich ein Sittengemälde der Thüringer CDU. Und es beleuchtet wichtige Momente der Thüringer Geschichte seit 1990.

Der Autor zeichnet akribisch den Werdegang von Christine Lieberknecht nach. Doch nicht immer wird am Ende klar, was hinter bestimmten Entscheidungen steht. Sie ist offensichtlich schwer zu fassen. Was hat Christine Lieberknecht in der DDR zum Dienst für die Kirche gebracht? Die Antwort bleibt offen, sie wäre aber auch deshalb interessant, weil uns das Buch auf der anderen Seite eine Christine Lieberknecht zeigt, die sich in der DDR nicht nur anpasst, sondern ein gutes Stück in das System integriert. Mehr jedenfalls als sie dies als Theologiestudentin und später als Pfarrerin tun müsste. Auch hier erfahren wir kaum etwas über ihre Motive: Warum lässt sie sich überreden, FDJ-Sekretärin zu werden? Warum tritt sie 1981 in die CDU ein? Warum wird sie beinahe Kandidatin der Nationalen Front bei den Kommunalwahlen 1989?         

Trotz unser beider Herkunft aus einem Pfarrhaus und trotz der Tatsache, dass wir beide Theologie studierten, ist unser Lebensweg in der DDR doch sehr verschieden. Mein Ziel war nicht das Theologiestudium. Ich wollte Arzt werden. Das wurde mir aus politischen Gründen verwehrt. Für mich war die Theologie der letzte verbleibende Spielraum. Meine Biographie wurde durch die Auseinandersetzung mit dem DDR-Staat geprägt. Ich lehnte alle Mitgliedschaften, von den Pionieren über FDJ bis hin zu Parteien, grundsätzlich ab und sammelte Unterschriften gegen sowjetische Atomraketen. Und ich gehörte zu denen, die bei der Kommunalwahl 1989 in Jena den Wahlbetrug aufdecken halfen. Im September 1989 waren deshalb das Neue Forum und die Initiative zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei meine Favoriten. Man sieht: Die zwei Theologen, die da an der Spitze Thüringens stehen, haben nicht nur einen sehr unterschiedlichen Weg hinter sich. Sie sind auch sehr verschieden.

Martin Debes schildert uns Christine Lieberknecht als Frau, die in entscheidenden Momenten für die CDU hart durchgreifen kann. Was aber treibt sie an? Was ist ihre politische Agenda, ihr Thema, ihr Ziel?

Gehen wir noch einmal zurück ins Jahr 1989. Mitte September sorgte in der Ost-CDU der „Brief aus Weimar“ für Furore. Die Recherchen von Martin Debes legen nahe, dass hier die Stasi mit unsichtbarer Hand Regie führte, auch wenn Christine Lieberknecht davon nichts wusste. Es bleibt die Feststellung, dass ihre Unterschrift eher zufällig unter den Brief geraten ist. Ihr eigener inhaltlicher Beitrag war eher marginal. Daraus muss man keinen Vorwurf ableiten. Man muss es nur wissen. Denn mit dem Brief begründete sich der Ruf von Christine Lieberknecht in der CDU – der Ruf als Reformerin. Der Eindruck, den uns das Buch vermittelt: Dieser Ruf ist ihr eher zufälligen Konstellationen als zielstrebiger Arbeit geschuldet.

Etwas anderes erfährt man aber auch aus der Unterschrift unter den Brief: Christine Lieberknecht hat in entscheidenden Stunden den Ernst der Lage erkannt und Weichen gestellt. Das hat sie später in wichtigen Situationen wiederholt: Als sie den ersten CDU-Landesvorsitzenden 1990 in die Wüste schickte oder den CDU-Ministerpräsidenten Josef Duchac aus dem Amt schubste. Und schließlich, als sie nach dem Rücktritt von Dieter Althaus Mike Mohring als Parteivorsitzenden verhinderte, um selbst CDU-Vorsitzende und Ministerpräsidentin zu werden.

Wer so handelt, muss Stehvermögen haben. Trotzdem habe ich mich auch hier  gefragt: Was ist ihr innerer Antrieb für all das? Das Buch bleibt die Antwort schuldig, was wohl weniger am Recherche-Vermögen von Autor Martin Debes, dafür mehr an der fehlenden Programmatik von Christine Lieberknecht selbst liegt.

Ein Beitrag von Christoph Matschie

 

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